Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.

Bewerbungsrede zur Kandidatur als Bürgermeisterkandidat der Grünen in Bovenden, April 2021.

Als ich 2001 anfing, Politikwissenschaften zu studieren, zunächst in meiner Geburtsstadt Leipzig, ab 2002 in Göttingen, da war die liebste Frage von Omas und Opas, willst Du etwa Politiker werden? Ich habe das, obwohl ich als „Bürgermeistersohn“ aufgewachsen bin – mein Vater war Bürgermeister von 1991 bis 2001, in einer inzwischen eingemeindeten Leipziger Vorortgemeinde – lange Jahre verneint. Auch habe ich mich, als intensiv zu Parteien Forschender, lange Jahre von Parteien ferngehalten. 2012 erfolgte dann mein Eintritt bei den Grünen. Der sich gerade zum zehnten Mal jährende Atomunfall von Fukushima, aber auch Eurokrise und Bankenkrise waren für mich zentrale Momente, endlich Partei zu ergreifen. Gleichwohl habe ich, da die Grünen eines meiner zentralen Forschungsthemen waren, von Gremien und lokaler Politik ferngehalten. 2014 dann zog ich nach Bovenden, ins wunderschöne Altdorf, ein viertes Kind kam 2015 auf die Welt und stellte das Leben der Familie nochmals auf den Kopf, wieder kurze Nächte, wieder Neuorganisation des Lebens.

2021 nun stand die Frage im Raum, wie politisch weiter. Vom Spielfeldrand murren oder Partei, Stimme und ja, auch Amt zu ergreifen. Schnell waren wir uns als Bovender Grüne einig, dass wir Politik vor Ort nicht nur begleiten, sondern verändern und anführen wollen, weshalb es auch eines Kandidaten/einer Kandidatin für das Amt des Bürgermeisters bedarf. Dieser Kandidat will ich sehr gern sein. Dabei leiteten mich zwei zentrale Überlegungen: Zum einen, da bin ich ganz Politikwissenschaftler, braucht eine Wahl auch eine Auswahl. Das erhöht die Wahlbereitschaft und die Legitimität des gewählten Bürgermeisters – und daran sollte allen demokratischen Parteien gelegen sein.

Und, zum anderen, wir Grünen haben 2019 nicht nur die Europawahl in Bovenden gewonnen, auch bundesweit haben die Grünen einen ganz neuen Bedeutungszuwachs erfahren. Ein grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg, eine grüne Landrätin im eigentlich „schwarzen“ Osnabrücker Umland, grüne Bürgermeister:innen im Ruhrgebiet, mit Doreen Fragel eine aussichtsreiche, grüne, zumal Bovender Bürgermeisterkandidatin in Göttingen, mit Marie Kollenrott eine aussichtsreiche Kandidatin für das Amt der Landrätin, die Aussicht auf ein starkes grünes Ergebnis im Kreistag und auch im Bovender Rat. Kurzum, es gibt ihn, den Wunsch nach grüner Verantwortungsübernahme. Nicht nur in den großen Städten, sondern auch auf den Dörfern und in den Flecken. Und wenn eine grüne Kanzlerin denkbar ist, dann auch ein grüner Bürgermeister: „Immer wenn man etwas Neues lernen und schaffen will, muss man den Mut haben und Neues wagen.“

Diesem Ausspruch von Annalena Baerbock will ich mich anschließen, mit meiner Kandidatur diesen Mut aufbringen und mich dieser Verantwortung stellen. Auch als Angebot an all jene, denen eine Koalition aus SPD und CDU als eine zu große Koalition erscheint, in der womöglich zentrale Fragen für die Zukunft von Billingshausen, Bovenden, Eddigehausen, Emmenhausen, Harste, Lenglern, Reyershausen und Spanbeck nicht ausreichend Berücksichtigung finden. Als Angebot an all jene, die mehr wollen als ein „Weiter so“ mit wenigen ökologischen Korrekturen, aber einem gigantischen neuen Gewerbegebiet.

Die zentrale Frage bleibt, wie der Klimakrise zu begegnen ist. Das gilt für die Zukunft des Landkreises Göttingen, für das Land Niedersachsen, die Bundesrepublik, Europa und die Welt. Genauso wie für die Zukunft des Flecken Bovenden. Es besteht Hoffnung, dass im September die Coronakrise, die andere große Krise unserer Zeit, allmählich abebbt. Umso mehr will ich mich der Klimakrise widmen. Einen der ersten grünen Wahlslogans stelle ich dabei ins Zentrum meines Wahlkampfes und künftiger grüner Politik in Rat und Rathau: Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geborgt. Was heißt das?

Das heißt, wir können im Angesicht der Klimakrise nicht so weitermachen wie bisher. Wir müssen umdenken und handeln, schnell, entschlossen und permanent. Dabei steht alles, was wir als Grüne, was ich als grüner Bürgermeisterkandidat mit den Bürgerinnen und Bürgern des Fleckens im engen Austausch voranbringen will, unter einem Diktum, dass dem jungen Joschka Fischer zugeschrieben wird: Radikaler Realismus. Radikal? Ernsthaft? Ja. Radikaler Realismus heißt für mich das Realistische so umfänglich wie möglich anzupacken, ganz im Sinne des Wortstammes von radikal, radix, von der Wurzel her. Ich möchte mit den Bürger:innen des Fleckens jeden Stein umdrehen, um darunter zu schauen, wie wir in Bovenden die Herausforderung der Klimakrise mit einer Idee von gutem Leben zusammenbekommen. Nicht als Verordnung, nicht als fertiger Maßnahmenkatalog, nicht als Sammlung von Verboten. Sondern, in Anlehnung an Winfried Kretschmann, im Dialog. Durch eine Politik des Zuhörens. Radikaler Realismus heißt in diesem Sinne, alles möglich zu machen, wofür sich Menschen begeistern lassen, wofür sich lokale Wirtschaft begeistern lässt. Nicht als Wohlfühlpaket, sondern als ehrliches Aushandeln des maximal Möglichen, fordernd für uns alle.

Ich möchte an dieser Stelle noch wenig versprechen, aber einige möglich Suchpfade ansprechen: Welche Ideen haben wir für das Thema Flächenverbrauch, Biodiversität und Mobilität? Welche für eine integrative Kommune, in der alle gern leben, Alteingesessene ebenso wie voller Hoffnung auf ein gutes Leben zu uns gekommene Menschen? Und, ganz wichtig, wie nehmen wir alle mit – jene die mehr geben müssen, jene die nicht so viel geben können? Wie also federn wir den Weg zur klimaneutralen Kommune sozialverträglich und wirtschaftsverträglich ab? Das wird, so viel ist mir klar, nicht ohne Reibung gehen, ohne Konflikte, vielleicht manchmal auch nicht ohne Überforderungen. Aber was ich versprechen kann, für all das will ich ein offenes Ohr haben. Ich will gemeinsam mit allen in Bovenden Ideen für ein gutes Leben in ökologisch und ökonomisch herausfordernden Zeiten entwickeln. Dafür trete ich als grüner Bürgermeisterkandidat an.

Voller Tatendrang, Ideen und Vorfreude, herzlich

Michael Lühmann

Bovenden im April 2021