„Wir werden in Bovenden kaum die großen Fragen der Zukunft klären können, aber wir können im Kleinen, wissenschaftlich abgesichert, von unten nach oben, helfen, das Richtige zu tun. So wie die Weinbauern von Whyl, die Menschen in Gorleben, die neuen sozialen Bewegungen der siebziger Jahre am Anfang nur kleine Kerne waren, die große Bäume wachsen ließen, so wollen auch wir als Grüne in Bovenden die großen Fragen der Zeit täglich im Kleinen beantworten und Herausforderungen aktiv angehen.“


Sicherlich, die größte Herausforderung für mich ist zugleich auch die reizvollste und chancenreichste: Der Wechsel von der Politikwissenschaft in die Politik. Von der Theorie in die Praxis. Von der Universität in die Verwaltung. Vom Seminar in Rat und Rathaus. Vom gebürtigen Leipziger zum Bürgermeister von Bovenden. Auch wenn einen das Studium und der Beruf des Politikwissenschaftlers auf vieles vorbereitet. Ein Studium zum Posten des Bürgermeisters ist es selbstredend nicht. Auch wenn ich viel zu politischer Führung, zu Politik im Klimawandel, zu Transformation, zu Bürger:innenbeteiligung und zu Gefährdung und Beharrung von Demokratie geforscht, gelehrt und gearbeitet habe, so entfaltet dieses Wissen nur mittelbare Handlungsanweisungen. Und auch wenn ich große Forschungsprojekte geleitet habe, so unterscheidet sich die Verwaltung eines Forschungsprojektes sicher fundamental von der viel umfassenderen Verwaltung einer Kommune.

Aber das ist eben auch immer eine Chance. Mein Vater kam als Naturwissenschaftler ins Amt des Bürgermeisters, in einer Zeit, Anfang der 1990er Jahre, in der die große Transformation Ostdeutschlands anstand. Vom Kanzlerinnenamt bis hinunter auf die kleinste Ebene, oft waren und sind, politik-analytisch betrachtet, von außen kommende Politiker:innen eine produktive Irritation des Bestehenden gewesen. Und ich glaube, im entscheidenden Klimawahljahr 2021 und den folgenden nicht minder entscheidenden 10 Jahren, die uns bleiben, um das Ruder der Klimakrise noch herumzureißen, braucht es diese Irritation. Und, dies ist das Angebot, das ich machen und das ich sein will, diese Irritation beruht neben meiner ökologischen Fundierung auf einem wissenschaftlich-analytischen Hintergrund, den ich mir über viele Jahre erarbeitet habe, den ich in Kooperation mit Bürger:innen und einer Verwaltung zur Diskussion stellen möchte. Was das bedeutet und was es dafür braucht, beschreibe ich hier.

Wenn die Pandemie eines gelehrt hat, dann die Erkenntnis, dass Wissenschaft eine wichtige Richtschnur politischen Handelns sein sollte. Das heißt nicht, dass Wissenschaft allein den Weg vorgibt, das wäre eine unzulässige Vermischung von wissenschaftlicher und politischer Sphäre. Wissenschaft kann nur Richtschnur sein und es bleibt Aufgabe der Politik, die Umsetzung zu gestalten. Aber wenn die Klimakrise die zentrale Herausforderung der kommenden Amtsperioden sein wird, so will ich wissenschaftliche Erkenntnisse in den Kampf um ein gutes, ökologisches Morgen ins Zentrum meiner Politik stellen. Das gilt sowohl auf der Ebene der Inhalte als auch auf der Ebene der Umsetzung. Was zu tun ist, welche mannigfaltigen Möglichkeiten bereits wissenschaftlich beschrieben sind, will ich gern politisch übersetzen: Solarrevolution, Kohlenstoffsenken, Schutz der Böden, Energiegenossenschaften, bürgerschaftliches Engagement – viele Felder sind wissenschaftlich bestellt und warten auf den Transfer in die Politik.

Natürlich müssen Politik und Verwaltung Rahmen und Leitplanken schaffen, Förderung und Umsetzung gestalten. Aber die vor uns liegenden Aufgaben brauchen auch die Initiative und die Unterstützung der Bürger:innen. Wie können ökologische Zielkonflikte – Stichwort Windenergie – befriedet werden? Wie kann bürgerschaftliches Engagement in der Klimakrise eingebunden werden, wie gestärkt? Dafür gibt es – neben dem so wichtigen beständigen Austausch – aus der Wissenschaft und der politischen Praxis viele Hinweise. Auch wie (Land-)Wirtschaft, Gewerbe und Handel eingebunden werden können, dafür gibt es wissenschaftlich abgesicherte Best-Practice-Beispiele. Die Aufgaben, die vor uns liegen, lassen sich nur im Zusammenspiel von Politik, Verwaltung und den Menschen vor Ort lösen. Hier will ich sowohl Dialogpartner und Stichwortgeber als auch Stichworte aufnehmender grüner Bürgermeister sein.

Überall in der Gesellschaft, vor allem aber auch in der klimabewegten Jugend, gibt es viele Ideen und Ansätze, wie die Klimakrise sozial-ökologisch zu bewältigen sein kann. Ich will, dass Bovenden zu einem Ort der wird, an dem Ideen und Initiativen ausprobiert werden können. Es gibt nicht den einen Weg, die Klimakrise zu bewältigen, aber viele Ideen, die unterstützenswert sind. Ich will das Rathaus zu einem Ort solcher Ideen machen, Formate, Beteiligung und Umsetzungsmöglichkeiten ausprobieren und lieber auch mal produktiv scheitern, als Ansätze versickern zu lassen. Wir werden in Bovenden kaum die großen Fragen der Zukunft klären können, aber wir können im Kleinen, von unten nach oben, helfen, das Richtige zu tun. So wie die Weinbauern von Whyl, die Menschen in Gorleben, die neuen sozialen Bewegungen der siebziger Jahre am Anfang nur kleine Kerne waren, die große Bäume wachsen ließen, so wollen auch wir als Grüne in Bovenden die großen Fragen der Zeit täglich im Kleinen beantworten und Herausforderungen aktiv angehen.

Ein wichtiges, inzwischen auch wissenschaftlich begleitetes und zukunftsweisendes Modell ist die Schaffung von Bürger:innenräten, die auch spezifisch als Klimaräte tagen können. Die Idee ist, dass zufällig ausgewählte Bürger:innen zusammenkommen, die eigenständig Themen bearbeiten und Empfehlungen aussprechen oder – umgekehrt – aus dem Rat heraus mit Themen beauftragt werden können. Mit den Ergebnissen muss der Rat sich dann befassen. Bisherige Erfahrungen mit solchen Räten sind sehr positiv und sollen deshalb auch in Bovenden ausprobiert und später evaluiert werden.

Bürger:innen müssen immer mehr Bereiche ihres Lebens an notwendigen ökologischen Anforderungen ausrichten. Derweil sind kommunale Infrastrukturen in der Regel noch fossil betrieben. Ich will, dass die Kommune in all ihren Infrastrukturen ökologischer Pionier wird und dementsprechend zügig ihre Strukturen dekarbonisiert. Ich will bürgerschaftliche Ideen zur Erhöhung von Klimaschutz und Biodiversität aktiv fördern und den Flecken als Vorreiter der ökologischen Transformation entwickeln. Viele Dinge sind in den letzten Jahren auch hier vor Ort angestoßen worden: Blühwiesen, Klimaquartiere, Baumpflanzungen und anderes mehr. Dies zu verstetigen und deutlich auszubauen, um weiter (und weitergehender) als gutes Beispiel kommunal voranzugehen, das will ich versprechen.

Ob Lärmschutz, Area 3 Ost, Güterverkehrszentrum oder Vorranggebiete für Windenergie: Oft entsteht der Eindruck, dass Bürger:innen schon einen sehr vertieften Kenntnisstand haben müssen, um solches Verwaltungshandeln einordnen zu können. Dies gilt umso mehr, als ein Flecken wie Bovenden nur eine überschaubare Medienöffentlichkeit besitzt, die Verfahren kritisch begleitet, von denen alle Bürger:innen betroffen sind. Deshalb möchte ich, dass Verwaltungshandeln barrierefreier und niedrigschwelliger als bisher öffentlich kommuniziert wird – auch um spätere Konflikte (wie im Fall der Area 3 Ost oder bei der Ausweisung von Vorrangflächen für Windenergie) frühzeitig und transparent zu begleiten.

Klimasimulationen, die Hitze- und Dürreperioden der vergangenen Jahre und die Zunahme von atypischen Wetterereignissen zeigen, dass auch der Landkreis Göttingen, mithin auch der Flecken Bovenden vom rapide voranschreitenden Klimawandel betroffen sind. Den Klimawandel zu stoppen ist eine zentrale Aufgabe und verpflichtet die Kommune und dessen gewählte Repräsentant:innen dazu, alles zu tun, um die Kommune auf das 1,5 Grad-Ziel zu bringen. Ich möchte mit den Bürger:innen des Fleckens jeden Stein umdrehen, um darunter zu schauen, wie wir in Bovenden die Herausforderung der Klimakrise mit einer Idee vom guten Leben zusammenbekommen. In einer Welt, in einem Flecken Bovenden, der das 1,5 Grad-Ziel einhält.

Was könnte der Flecken Bovenden mit Konstanz, Kiel, Basel, Vancouver, Los Angeles und Oakland gemein haben? All diese Städte haben inzwischen den Klimanotstand ausgerufen. Meist auf Initiative von Jugendparlamenten, Fridays for Future Gruppen oder einzelnen Bürger:innen den Klimanotstand ausgerufen. Rat und Verwaltung können also erklären, dass der Wandel des Klimas einer umfänglichen Krise entspricht und dass die bisher ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichen, um diese zu begrenzen. Mein persönliches Ziel ist, dass Bovenden sich zum Klimanotstand bekennt. Damit bei allen künftigen Projekten und Beschlussvorlagen verpflichtend markiert werden muss, ob Auswirkungen auf den Klimaschutz zu erwarten sind und ob Projekte oder Maßnahmen einen positiven oder negativen Effekt auf das Klima haben. Als Bürgermeister verpflichte ich mich, jährlich über die geplante Reduktion der Emissionen zu berichten, gleiches soll gelten für kommunale Unternehmen und Beteiligungen wie etwa die Gemeindewerke, die Kreiswohnbau oder den Betriebshof.