„Ich möchte mit den Bürger:innen des Fleckens

jeden Stein umdrehen, um darunter zu schauen,

wie wir in Bovenden die Herausforderung

der Klimakrise mit einer Idee vom guten Leben

zusammenbekommen.“

Angekommen und aufgenommen. Ja, das trifft es wohl am ehesten, wenn ich an meine nunmehr sieben Jahre in Bovenden zurückdenke. Eingezogen am 30.04.2014, direkt zum Tanz in den Mai bei der Feuerwehr im Bovender Altdorf. Es war ein langer Abend, ein intensiver Abend in und mit der neuen Nachbarschaft. Dann nachts gleich der erste Feuerwehralarm, die Welt stand Kopf, ich kannte diese Sirenen nur aus der Ferne. Seither sagen Sie mir, wann der erste Samstag im Monat ist, um 12.00 Uhr und erinnern mich an die wichtige Aufgabe, die Feuerwehr hat, nicht nur als Rettende in der Not, sondern als Teil des Dorfes, als Ort für die Jugend, als Ort der Begegnung.

Ein anderes „Geräusch“ wurde mir auch sehr schnell vertraut. Das sonntägliche Geläut der St. Martini Kirche im Bovender Altdorf. Um 8.00 Uhr und um 9.00 Uhr ruft es die Gemeinde zusammen, um kurz vor 10.00 Uhr dann steht es vor dem gemeinsamen Gottesdienst. Recht stumm geworden sind die Glocken im baulich angegriffenen Turm und doch hat diese Ruhe die Gemeinde noch enger zusammengeführt. Bei so vielen Aktionen zur Rettung des Glockenturms – bei Benefizkonzerten, beim Pflanzenmarkt, auf dem Adventsmarkt, beim „Schlachtfest“ für die Glockenturm-Sparschweine, beim Schutt vom Dach schleppen – durfte ich dabei sein und wurde nicht nur über diese Aktionen zu einem Teil der Bovender Gemeinde. Einer Gemeinde, in der meine vier Kinder getauft oder konfirmiert wurden bzw. in der sie bald konfirmiert werden.

Ein anderes „Geräusch“ ist mir auch vertraut geworden, das ich, als Stadtkind in Leipzig aufgewachsen und seit 2002 in der Region Göttingen lebend – in Rosdorf, in Gleichen, in Weende, im Leineviertel – mit Bovenden verbinde. Die Traktoren, vor allem die alten Traktoren mit ihrem charakteristischen Klang. Sie stehen für mich, wie die vielen Fachwerkhäuser in den Plessegemeinden und wie die Plesse selbst für eine wiederentdeckte Tradition, die auch mit einer starken Verbundenheit mit der Natur einhergeht. Reaktivierte Streuobstwiesen, regionale, saisonale und lokale Produkte, solidarische Landwirtschaft, Hofläden und Selbstversorger-Gärten, sie stehen für die Anknüpfung an eine ökologische Ideengeschichte, die schon in der Lebensreform um 1900 ihren Ausgang nahm, an Orten ganz in der Nähe von Bovenden, auf der Ludwigstein oder am Hohen Meißner.

Kurzum, Bovenden ist mir ans Herz gewachsen, hier bin ich angekommen und aufgenommen. Und so traue ich mir auch zu, mit einem sicher anderen Blick als hier aufgewachsene Menschen, auch etwas davon zurückzugeben, in verantwortungsvoller Position. Dabei bin ich mir bewusst, dass die vor uns allen liegenden Aufgaben mit viel Ausdauer, Leidenschaft und auch mit ausreichender Demut angegangen werden müssen. Ausdauer, Leidenschaft, Demut, das ist auch das, was mich als Wissenschaftler antreibt. Und als Mensch, dem seine Familie wichtigster Rückhalt ist. Gerade in herausfordernden Situationen – etwa als wir als sechsköpfige Familie mit Baby und Lastenrad im Zug nach Norwegen saßen, um dort 1.400 km gegen den Wind, die Steilküsten und die Fjordpässe anzufahren (im Jahr darauf haben wir es uns einfacher gemacht und sind mit Rückenwind von Oslo nach Helsinki gefahren) oder bei Rekordhitze wochenlang durchs menschenleere, aber mückenreiche norwegisch-schwedische Fjell/Fjäll zu wandern. Oder bei Rekordkälte mit den Langlaufskiern in der Bovender Lieth.

Rekordhitze, Rekordkälte – allesamt Folgen des rapiden Klimawandels, dessen Bekämpfung im Zentrum meines privaten und politischen Denkens steht. Und der Grund, warum ich nun als Bürgermeisterkandidat in Bovenden kandidiere. Weil ich die jahrelange wissenschaftliche und politische Beschäftigung mit Auswegen aus der Klimakrise, die ich privat auch zu leben versuche, im gesamten Flecken Bovenden einbringen möchte. Weil ich, mit Robert Habeck gesprochen, jene Wirklichkeit verändern will, die über Jahrzehnte den Klimawandel politisch nur verwaltet hat. Die noch immer zu stark in Beton, Verbrennungsmotor und Flächenversiegelung denkt. Der Klimavertrag von Paris, das Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, die Erde, die wir von unseren Kindern nur geborgt haben: Sie alle fordern zu zügigem, umfassendem Handeln, dass Verwaltungsdenken und eine Politik der kleinen Schritte überwindet, auf. Dass man dafür Menschen mitnehmen muss, begeistern muss, offen und transparent erklären muss, ist mir als Ostdeutschem, der eine massive Transformation erlebt und jahrelang dazu geforscht hat, bewusst. Aber das Ziel einer ökologischen, klimaneutralen Gesellschaft ist die Anstrengung wert. Zu Gunsten einer ökologischen Transformation, durch alle und für alle. Auf neuen Wegen statt auf ausgetretenen Pfaden. Dafür stehe ich. Dafür trete ich an. Und für diesen Weg werbe ich um Ihr Vertrauen.

Herzlich,

Michael Lühmann

Bewerbungsrede als grüner Bürgermeister-kandidat

„Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.“

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Politik als Wissenschaft

Die Grünen würden längst als Teil des bürgerlichen Parteienblocks wahrgenommen, sagt Michael Lühmann, der für die Grünen in der niedersächsischen Gemeinde Bovenden als Bürgermeister kandidieren will, aber auch als Parteienforscher den Zustand der Partei kommentiert.

DER SPIEGEL, Nr. 16, 17.04.2021, S. 23